365 Tage unterwegs

Wir schauen zurück

Geht es euch nach den Ferien nicht auch so? Man sitzt mit Freunden und einem kalten Bier in seiner Lieblingsbar und jeder möchte wissen, was man denn alles erlebt hat. „Sag mal, wie ist es dir ergangen?“ Es wird still. Eine schwierige Frage. Der Kopf fühlt sich irgendwie leer an. Aber wieso? So viel ist passiert, und man weiss einfach nicht was man erzählen soll. So in etwa fühlen wir uns in diesem Moment. Wir sind nun ein Jahr unterwegs und haben „nur“ gerade zwei Länder bereist. USA und Kanada. In dieser Zeit erlebt man doch so Einiges, und es wird zu einer Herausforderung den ungeduldigen Freunden am Stammtisch alle Erlebnisse zusammenzufassen. Da wir mit unseren Freunden aus der Schweiz gerade kein Bier trinken können, schreiben wir nun für euch einige unserer Highlights nieder.

Auf der Suche nach dem schönsten Stellplatz. Olympic National Forest, Washinton

1. Die Wildnis Alaskas

Seien wir ehrlich! Alaska sieht doch eigentlich genau so aus wie zu Hause? Berge, Gletscher, Flüsse. Kann man alles auch in der Schweiz haben. Inklusive bequemer Seilbahnfahrt auf den Gipfel. Was soll denn in Alaska so spannend sein? Doch wir lieben die Abgeschiedenheit. Sitzt man in Alaska auf einem Berggipfel fühlt man sich wirklich wie ein grosser Entdecker, alleine, fern ab jeglicher Zivilisation. Keine Seilbahnen, keine Strassen, keine Brücken, ja sogar den Weg muss man sich manchmal selbst erkämpfen. Man teilt seinen Zeltplatz mit Bär, Elch und Wolf oder kämpft sich ohne Brücke über den Fluss. Natur Pur! Aufregend nicht war?

Unser Tip: Denali National Park – Backpacking ohne präparierte Wanderwege und zelten wo immer du willst. Sprich dich kurz mit den Rangern ab und organisiere die Camperlaubnis und den Transport in den Park. Deinem Abenteuer steht nichts mehr im Wege. Ausser vielleicht der Bär, der entschieden hat an deinem Schlafplatz seine Beeren zu fressen.

Wildnis weit und breit. Denali Highway, Alaska

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2. Die Grizzlybären

Kennt ihr folgenden Satz aus eurer Jugend: „Wir haben 100 Leute gefragt“ Na? Bei wem klingelt’s? Würde man 100 Leute fragen, welches Tier ihnen bei Alaska auf Anhieb einfällt, wäre wohl der Bär bestimmt an erster Stelle. Etwas aufregend ist es ja schon ganz alleine durch die Wildnis zu streifen, zu zelten oder mit dem Bike einen Trail hinunter zu jagen, ohne zu wissen ob hinter dem nächsten Busch ein blutrünstiger Bär lauert. Doch mit blutrünstig hatten diejenigen Bären, die wir gesehen haben, überhaupt nichts zu tun. Tapsig, verspielt, frech, neugierig aber auch kraftvoll und anmutig würden wir diese Tiere beschreiben. Nie hatten wir Angst oder es kam zu einer gefährlichen Situation. Bären sind sehr tolerante Tiere und solange man ihre Regeln befolgt wird auch nichts passieren.

Unser Tip: Umbedingt kurze Schulungen besuchen die Nationalparks gratis anbieten oder sich durch Ranger aufklären lassen. Bärenspray oder Bear Bell bei Wanderungen nicht vergessen. Bären gibt es überall in Alaska, Kanada und weiten Teilen der USA. Solange ihr aber ihre Regeln befolgt wird euch nichts passieren und ihr könnt eine Bärenbegegnung in vollen Zügen geniessen.

Bären beobachten, aber wo?

In ganz Alaska und Kanada gibt es Bären wobei die riesigen Grizzlies nur an der Küste Alaskas (und Kodiak Island) vorkommen. Die meisten Bären, vorallem Schwarzbären, sahen wir aus dem sicheren Fahrzeug. Sogar so viele, dass wir nicht einmal mehr angehalten haben bei einer Begegnung. Um Grizzlies zu beobachten empfehlen wir den Denali National Park oder Haines im Herbst während der Lachswanderung. Im Lake Clark Nationalpark werdet ihr garantiert Grizzlies beobachten können, jedoch ist der Park nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar.

Von uns Troublemaker getauft hat uns dieser kleine Grizzly ganz schön in Verruf gebracht. Haines, Alaska

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3. Alaska im Herbst

Dem Internet sei Dank finden sich innert Sekunden Klimatabellen und Empfehlungen für die beste Reisezeit einer Region. Sollten wir Alaska also zwischen Juni und August besuchen? Laut Computer ein klares Ja. Laut unserer Reiseplanung ein noch klareres Nein. Wieso wir uns gegen die Empfehlung von Mr. Google entschieden haben? Schon im August beginnt sich die Vegetation zu verfärben und zeigt sich von der schönsten Seite. Doch nicht nur Pflanzen spüren den kommenden Winter. Tiere fressen sich nochmals richtig voll um genügend Fettreserven aufzubauen. Sie sind daher viel aktiver. Bären z.B. sind richtig fett und flauschig. Mücken und andere beissende Insekten sind weg! Endlich. Wir hatten jedenfalls keinen einzigen Mückenstich in Alaska. Die Strassen sind leer gefegt, denn die meisten Touristen sind abgezogen. Was uns aber mit Abstand am meisten beeindruckt hat, war der grün leuchtende Nachthimmel. Was gibt es schöneres, als beim Einschlafen dem tanzenden Nordlicht zuzuschauen?

Unser Tip: Alaska im Herbst ist der Wahnsinn. Sofern das Wetter stimmt. Bleibt bei klaren Nächten etwas länger wach und schaut immer wieder nach oben oder auf euer Nordlicht-App. Je nach Aktivität der Aurora Borealis ist sie bis nach Vancouver zu sehen. Ein klarer Nachthimmel ist ein Muss.

Wie gemalt. Denali Highway, Alaska

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4. Die Vulkane im Westen

Schnee und Hitze passen nicht zusammen, das lernt man schon im Physikunterricht. Oder etwa doch? Die Westküste der USA ist vulkanisch geprägt und die Gipfel der über 4000 MüM hohen Vulkane mit ewigem Eis überzogen. Schnee hält sich bis tief in den Frühling. Natürlich nutzten wir diese Gelegenheit um die Wintersaison 2019 zu verlängern. Schon beim Aufstieg wird man von einer schweflig, nach Eier stinkenden Luft, die aus Fumerolen an die Oberfläche tritt, begleitet. Der Berg lebt, er dampft und rumort. Als ob Lawinen nicht schon Aufregung genug wären. Hat man es dann zum Gipfel geschafft versperrt kein anderer Berg die Sicht. Vulkane entstehen eben nicht durch das zusammenschieben Tektonischer Platten. Auch wenn die Berge nur halb so hoch sind, hat man das Gefühl auf einem 8000er zu stehen.

Unser Tip: Viele Vulkane der Westküste sind gar nicht mal so schwierig zu besteigen. Voraussgesetzt du weisst mit deiner Ausrüstung umzugehen und liest Wetter- und Lawinensituation richtig. Ohne Pickel und Steigeisen solltest du aber keiner der Vulkane versuchen, denn du wirst garantiert scheitern. Schreckt dich der meist lange Aufstieg nicht ab, dann nichts wie los. Ein stinkend, dampfender Eishaufen wartet auf dich.

Safety First

Informiere dich vor deinem Aufstieg genau über den Berg. Es wird kein Sonntagsspaziergang. Genaue Planung und richtiges Einschätzen des eigenen Könnens ist ein Muss. Eisschlag, Lawinen, giftige Gase, Sauerstoffmangel, Wetterumschwünge und sonstige Gefahren sind gegenwärtig und vermiesen dir schnell den Tag!

Was für eine Aussicht. Mount Shasta, Kalifornien

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5. Das rote Utah

Utah, so sollte eigentlich ein Farbton heissen. Alles in Utah ist Rot. Rot ist der Fels, Rot sind die Canyons, Rot ist der Himmel am Abend und Rot ist auch unsere Haut von der grellen, erbarmungslosen Sonne. Utah war für uns eine richtiger Abenteuerspielplatz. Erstklassiges Mountainbiken, traumhafte Stellplätze und Wanderungen die nicht auf einen Berggipfel sondern ins innere eines Canyons führten. Hat man genug vom Tag finden sich unzählige Stellplätze, einer schöner als der andere sofern man die z.T. wirklich rauen Strassen und 4×4 Strecken nicht scheut.

Unser Tip: Utah kann im Sommer unglaublich heiss werden. Wir haben unsere Reise so geplant, dass wir in den Frühlingsmonaten Mai und Juni Utah besuchten und schon da stiegen die Temperaturen auf 35 Grad. Nicht nur ihr sondern auch euer Fahrzeug kämpft mit den Temperaturen und Schatten findet sich in Utah kaum.

Was für ein Campspot? Escalante, Utah

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6. Gravelroads

Fluch und Segen zugleich. Unser lautes Seufzen ist nicht zu überhören, wenn sich die Teerstrasse wieder einmal in eine miserable Schotterpiste ändert. Auf der einen Seite wissen wir, dass das ständige Rattern und Schütteln uns und unserem Fahrzeug alles abverlangt, doch wir wissen auch, dass am Ende der Schotterstraße ein Schlafplatz, wie ein Topf voll Gold am Ende des Regenbogens, auf uns wartet. Gerade in Utah oder Alaska finden sich traumhafte Stellplätze hinter jeder Abzweigung und man wünschte sich nichts mehr als ein zwei Tage länger an diesem Platz zu stehen.

Unser Tip Installiert iOverlander! Mit dieser App finden sich viele schöne Stellplätze. Mit Google Earth/Maps lassen sich zudem einsame Campspots lokalisieren. Die Auflösung ist mittlerweile so gut, dass man z.T. sogar sieht ob die Strasse per Schranke gesperrt ist.

Es schüttels und rüttelt, doch am Ende warted der perfekte Stellplatz. Alabama Hills, Kalifornien

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7. Freunde fürs Leben

Kommen wir zum letzten und vielleicht schönsten Punkt: Neue Freunde. Auch wenn wir einsame, abgelegene Orte bevorzugen freuen wir uns doch immer wieder über Gesellschaft. Gemütliches Zusammensitzen am Lagerfeuer, eine gemeinsame Wanderung oder einfach dem Rücklicht hinterher fahren und sich auf den gemeinsamen Abend freuen. Viele lachende Gesichter haben sich in unsere Erinnerung gebrannt und mit den gemeinsamen Erlebissen werden wir sie so schnell nicht vergessen. Und ehe man sich versieht gehört einem, wenn auch nur für ein zwei Tage, ein ganzes Haus inklusive Hund und Auto.

Unser Tip: Instant Freunde. So gehts: 1. Europäisches Nummernschild montieren. Es interessiert woher du stammst. 2. So oberflächlich Instagram und Co. auch sind. Social Media kann dir helfen neue Reisende kennenzulernen. 3. Sticker deines Instagram Accounts am Fahrzeug. Es ist einfach lustig, wenn dir eine fremde Person ein Bild von deinem Auto schickt und dir schreibt: „Viel Spass in meinem Land“ 4. Ein freundliches Lachen im Gesicht öffnet Tür und Tor. Mehr braucht es nicht. 5. Streichle den Hund. Das kommt beim Besitzer immer gut an.

Campen mit Freunden. Kasilof Beach, Alaska

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Wir bitten um Nachschlag

So unsere ungeduldigen, biertrinkenden Freunde. Wir hoffen es reicht euch für’s erste. Noch während des Schreibens dieser Zeilen sind uns noch so unendlich viele Dinge in den Sinn gekommen, die wir einfach nicht alle aufschreiben können. Vieles ist passiert, vieles wurde erlebt. Kaum in Worte zu fassen. Unser erster Abschnitt der Reise war ein voller Erfolg. Wir starteten unsere Reise mit keinerlei Langzeitreiseerfahrung und mit einem zusammengeschusterten Sprinter, den wir in gerade mal 3 Nächten getestet haben. Glücklicherweise hat alles geklappt und so funktioniert wie wir es uns vorgestellt hatten. Nun startet ein neues Kapitel unserer Reise. Mexico steht auf dem Speiseplan. Neugierig aber wieder etwas unsicher schauen wir in die Kristallkugel und hoffen dass die kommenden Monate uns genau so viele Erlebnisse bescheren wie das vergangene letze Jahr. Motor starten und los gehts!